Iva – ein Schluck Bündner Bergwelt

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Wer im Engadin nach einem typischen Kräuterlikör fragt, kommt an Iva kaum vorbei. Der klare, bittersüsse Likör gehört zu den besonderen kulinarischen Spezialitäten Graubündens. Seine Geschichte beginnt allerdings nicht an der Bar, sondern hoch oben in den Bergen – bei einer unscheinbaren Pflanze mit intensivem Duft.

Eine Pflanze mit Geschichte

Iva ist der rätoromanische Name der Moschus-Schafgarbe (Achillea moschata). Sie fühlt sich dort wohl, wo es für viele andere Pflanzen ungemütlich wird: auf steinigen Böden in Höhenlagen von rund 1700 bis 3000 Metern. In Graubünden wächst sie unter anderem im Ober- und Unterengadin sowie im Val Müstair. Gesammelt wird die alpine Pflanze vor allem im Juli und August.

Ihre Verwendung als Heilpflanze hat eine lange Tradition. Schon im 18. Jahrhundert wurde die Moschus-Schafgarbe wegen ihrer Wirkung geschätzt. Im Engadin begann man früh, aus der Pflanze auch einen alkoholischen Auszug herzustellen. Was zunächst als Hausmittel gegen Magenbeschwerden und Appetitlosigkeit diente, fand mit der Zeit seinen festen Platz in der Bündner Genusskultur.

Vom Hausmittel zum Digestif

Früher wurde Iva vielerorts im kleinen Rahmen hergestellt: in Haushalten, auf Alpen oder in Apotheken. Die Rezepte wurden von einer Generation an die nächste weitergegeben und blieben nicht selten gut gehütete Familiengeheimnisse. Dadurch entwickelte sich keine einzige, verbindliche Rezeptur. Vielmehr gibt es unterschiedliche Varianten – und genau das macht Iva bis heute spannend.

Auch bei der Herstellung ist Geduld gefragt. Blüten und Blätter der Moschus-Schafgarbe werden in hochprozentigem Alkohol angesetzt. Nach einer gewissen Zeit werden die Pflanzenteile entfernt, bevor der Auszug mit Wasser und Zuckersirup auf Trinkstärke gebracht und filtriert wird. Je nach Rezeptur entstehen dabei unterschiedliche Nuancen. Manche Varianten sind ausgeprägt herb und bitter, andere etwas weicher und süsslicher; vereinzelt kommen weitere Kräuter oder Vanille hinzu.

Übrigens: Auch wenn im Alltag häufig von «Iva-Schnaps» gesprochen wird, handelt es sich genau genommen um einen Likör. Der Grund dafür ist der vergleichsweise hohe Zuckergehalt.

Ein Stück alpine Identität

Heute wird Iva fast ausschliesslich in kleinen Mengen und von Hand hergestellt. Der Likör ist damit weit mehr als ein alkoholisches Getränk: Er steht für eine regionale Kräuterkultur, für überliefertes Wissen und für die enge Verbindung zwischen Bündner Landschaft und Küche.

Klassisch wird Iva als Digestif ausgeschenkt. Er passt zu kräftigen Bündner Spezialitäten wie Capuns oder Fondue, aber ebenso zu Engadiner Nusstorte, Kaffee oder dunkler Schokolade. Gleichzeitig hat der traditionsreiche Likör seinen Weg in die moderne Barkultur gefunden – etwa in Drinks wie Iva Tonic oder Iva Sour.

Vielleicht liegt genau darin sein besonderer Reiz: Iva verbindet Vergangenheit und Gegenwart. Die Pflanze wächst noch immer dort oben in den Bergen, die Grundidee des Likörs ist seit Jahrhunderten bekannt – und trotzdem lässt sich daraus heute etwas ganz Neues machen.

Seit 2009 gehört Iva zum kulinarischen Erbe der Schweiz.

Quellen & Hintergrund: graubündenVIVA, «Kulinarische Schätze – Iva», Factsheet Iva (2025).